Ein Gastbeitrag von David Schraven. Er leitet das Recherchezentrum CORRECTIV als Publisher und inhaltlicher Geschäftsführer

Die Angst vor Nazis in Deutschland haben wir bei correctiv.org gespürt. Es war absurd. Es war töricht. Und die Angst kam aus gänzlich unerwarteten Richtungen.

Die Geschichte beginnt mit einer Recherche zu den Verbindungen rechtsextremer Terrorgruppen aus dem Blood & Honour-Netzwerk ins Ruhrgebiet. Zu diesem Netzwerk gehörten auch die Terroristen Uwe Bönhhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die sich NSU nannten – Nationalsozialistischer Untergrund. Und zu diesem Netzwerk gehörte eine Gruppe aus Dortmund, die sich um eine Nazi-Band mit Namen „Weisse Wölfe“ scharte.

Wir haben dieser Gruppe lange nachgespürt. Sind eingedrungen in ihre Struktur und konnten schließlich mit einem Mitglied lange Interviews führen, in denen offengelegt wurde, wie international, wie brutal und wie gefährlich die Banden sind.

Wir haben zusammen mit dem begnadeten Zeichner Jan Feindt aus dieser Geschichte eine grafische Reportage gemacht. Wir wollten neue Wege gehen. Nicht nur einfach die Geschichte erzählen. Wir wollten Menschen mit Bildern zeigen, was wir erfahren haben. Sie spüren lassen, was los ist, sie zum Nachdenken bringen, um einen Wandel anzustoßen.

Zunächst hatten wir einen sehr großen deutschen Verlag als Partner für die Veröffentlichung der grafischen Reportage als Buch. Doch nachdem das Skript fertig war, hat der Verlag Angst bekommen. Angst vor der Wirkung der Reportage, Angst vor Scherereien, Angst vor juristischen Auseinandersetzungen. Wir sollten das Skript entschärfen, weicher machen, gängiger, nicht so verstörend.

Wir haben uns geweigert und den Buchvertrag aufgelöst.

Stattdessen haben wir einen eigenen Verlag gegründet und das Buch selbst herausgebracht.

Wir glauben, erst mit Hilfe der Bildern begreift man richtig, dass die beschriebenen Handlungen Realität sind und nicht frei erfunden. Wir beschreiben nicht nur das Leben der Nazis, wir legen in den grafischen Strecken die Ideologie hinter den rechtsradikalen Terrorgruppen offen, die Anschläge nach Art des NSU erst möglich machte. Wir beschreiben das Ziel der Terroristen, einen internationalen Rassenkrieg zu erzwingen. Wir beschreiben, wie sich eine solche Terror-Zellen im Ruhrgebiet bildet, wie sie Anschläge verübt und Kontakte nach Belgien pflegt; wie dann sogar flämische und deutsche Nazis mit Hilfe eines belgischen Offiziers Überfälle und Geiselnahmen in einer belgischen Kaserne trainieren.

Brisant wird die Reportage durch die persönliche Nähe eines beteiligten Protagonisten zur inhaftierten NSU-Terroristen Beate Zschäpe. Protagonist Robin S. und Beate Zschäpe sind Brieffreunde.

Wir haben die grafische Reportage aber nicht nur als Buch veröffentlicht. Wir haben sie auch Online gestellt. Damit sie jeder lesen kann. Denn wir wollen möglichst viele Menschen mit dieser Reportage erreichen.

Eigentlich wollten wir die Reportage online zusammen mit einer der größten deutschen Tageszeitungen veröffentlichen. Die Gespräche liefen wochenlang. Wir haben einen Reader für die Reportage programmiert. Doch dann hatten die Juristen der großen Zeitung plötzlich Angst. Gerade als alles fertig war.

Die Juristen hatten Angst, dass die Zitate aus den Turner-Tagebüchern, die wir veröffentlichen, die Reportage angreifbar machen würden. Die Turner-Tagebücher sind seit Jahren in Deutschland verboten.

Wir konnten diese Angst nicht nachvollziehen. Und haben unsere grafische Reportage trotzdem im Internet veröffentlicht. Dann eben alleine.

Wir glauben nämlich, es macht keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, das Böse verschwindet, wenn man es lange genug ignoriert. Wir müssen uns dem Horror stellen, um ihn zu bekämpfen. Wir müssen die Ideologie der Terrornazis verstehen. Und diese findet sich nun mal in den Zitaten aus den Turner-Tagebüchern, die wir veröffentlichen. Hier wird bis ins Detail die Kampfweise vorgeschrieben, mit denen die Kleingruppen losziehen sollen, um Menschen zu töten. Ihre Kommunikationsstrukturen werden erklärt und ihre obszönen Hassphantasien.

Nach der Online-Veröffentlichung sind wir den nächsten Schritt gegangen. Wir haben aus unserer Recherche eine Ausstellung gemacht. Wir haben die Bilder vergrößert und erklärt. Damit man sie sich stehend ansehen kann, um was es geht.

Wir wollten die Ausstellung in einer Berliner Galerie organisieren. Es war schwierig eine Galerie zu finden, die bereit war, unsere Arbeit zu zeigen. Den Galeristen waren unsere Bilder nicht zu schlecht – sie hatten Angst vor Ärger. Ärger mit den Rechten.

Schließlich fanden wir eine Galerie, die bereit war, die Ausstellung zu zeigen. Wir mieteten den Raum an. Wir organisierten die Einladungen – und die Getränke. Dann kam die Absage. Auch diese Galerie hatte Angst vor einem Anschlag. Sie wollte nicht mehr. Man empfahl uns, die Ausstellung in einem Gefängnis oder in einem abschließbaren Rathaus-Keller zu zeigen.

Wir haben uns entschieden, die Ausstellung in unserer Redaktion durchzuführen. Wir wollten uns der Angst nicht beugen. Wir haben die Tische an die Seite geschoben und die Bilder an die Decke gehängt.

Die Ausstellung lief gut zwei Wochen. Zur Eröffnung kamen über 100 Leute. Ein Kommando des Landeskriminalamtes war auch da. Undercover. Für alle Fälle.

Danach spazierten jeden Tag Menschen durch die Ausstellung. Normale Leute von der Straße. Sie wollten sich informieren. Sich die Bilder anschauen und reden. Es kamen keine Nazis. Oder wenn doch, haben sie keinen Ärger gemacht.

Seither haben wir die Ausstellung auf Reisen geschickt. Überall gibt es Menschen, die keine Angst haben. Die sich der Auseinandersetzung stellen.

Unsere Ausstellung war in Dortmund im Schauspielhaus, in Greifswald im Internationales Kulturaustausch-Zentrum e.V, in Lörrach im Werkraum der Schöpflin-Stiftung, in Berlin im Wahlreisbüro von Özcan Mutlu. Und sie reist weiter.

Ende März ist sie in Kassel wo sie in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Kassel und weiteren lokalen Partnern gezeigt wird. Sie wird nach Thüringen ziehen und hoffentlich noch in viele weitere Städte.

Bei Lesungen zeigen wir die Bilder und diskutieren über die Terrorgruppen. Im Bonner Haus der Geschichte mit Schulklassen, im jüdischen Museum in Dorsten oder im Kulturgut Ehmken Hoff in Dörverden.

Wir glauben, unsere Mühe ist es wert.

Wir haben Menschen gefunden, die uns helfen. Die uns als Mitglieder die Unabhängigkeit geben, die wir brauchen, um uns ängstlichen Bedenkenträgern widersetzen zu können. Die bereit sind, die Ausstellung in ihrer Stadt zu zeigen. Die bereit sind zu diskutieren.

Wir müssen keine Angst vor der Aufklärung haben.

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