Prälat Prof. Dr. Helmut Moll ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Im Interview mit sieht der Kölner Parallelen zwischen der Verfolgung von Journalistinnen und Journalisten in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und heute. „Wer mit Gewalt arbeitet, kann sich nicht auf das christliche Abendland berufen“, erläutert der Kirchenexperte im Hinblick auf die so genannte Pegida-Bewegung.

 

Das Gespräch mit Prof. Dr. Helmut Moll führte Frank Überall

In der NS-Zeit mussten Journalistinnen und Journalisten für ihren Widerstand gegen die Diktatur zum Teil mit dem Tod büßen. Weshalb sprechen Sie jetzt von Ähnlichkeiten zur heutigen Zeit?

Die ParalMoll Portait 4lele sehe ich darin, dass das Erstarken des Rechtsextremismus nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, seine Vorläufer hat. Diese Vorläufer finden wir vor allen Dingen in der Zeit des Nationalsozialismus. Jeder Geschichtslehrer weiß, dass seit dem Jahr 1933 die Menschen nicht mehr sagen durften, was sie dachten. Und die Journalisten waren auch immer wieder im Würgegriff, weil sie etwas vermitteln wollten, was sie nur zwischen den Zeilen bringen konnten. Die Schnittmenge zwischen den heutigen Rechtextremisten und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und deren Zeit liegt darin, dass einseitige ideologische Grundlagen gelegt worden sind, die noch immer nicht überwunden sind.

Sie haben in Ihrem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ die Schicksale einiger Medienvertreter beschrieben. Was haben Ihre Nachforschungen in diesem Bereich ergeben?

In dem Werk beschreiben wir mindestens acht Journalistinnen und Journalisten, die bei der Erledigung ihrer täglichen Arbeit nicht nur behindert wurden, sondern die am Ende sogar mundtot gemacht wurden. Aus der Zeit der Weimarer Republik erwähne ich den Münchner Journalisten Dr. Fritz Gerlich, der eine eigene Zeitschrift unter dem Namen ‚Der gerade Weg’ gründete. Der kam sofort in das Visier von Hitler. Die Zeitung hat Hitler sogar gelesen, ein Bild beweist dies. Bereits 1934, während der Röhm-Affäre, ist Fritz Gerlich im Konzentrationslager Dachau aufgrund seiner Opposition umgebracht worden. Ich erwähne zweitens den Kölner Journalisten Nikolaus Groß. Er war Chefredakteur der ‚Westdeutschen Allgemeinen Zeitung’, einer Wochenzeitung von damals 180.000 Exemplaren Auflage. Er konnte nur zwischen den Zeilen schreiben, was er dachte und ist am Ende doch – nach dem fehlgeschlagenen Attentat des 20. Juli 1944 – in Köln verhaftet und im Januar 1945 in Berlin-Plötzensee gehängt worden. Zu erwähnen sind unter anderem auch die Kasseler Journalistin Dr. Ruth Kantorowicz, der Euskirchener Heinrich Ruster, die beiden Bonner Prof. Hans Karl Rosenberg und Joseph Roth, der Augsburger Friedrich Ritter von Lama oder der Wiesbadener Dr. Franz Geuecke.

Welche Lehren sollte man aus Ihrer Sicht für die heutige Zeit aus den beschriebenen Schicksalen ziehen?

Leider sind die Lebenswege dieser Journalisten erst sehr spät aufgearbeitet worden, so dass der normale Zeitungsleser eigentlich keinen davon kennt. Aus der Geschichte können wir lernen, dass damals Menschen von Rechtsextremen gemobbt und ausgegliedert wurden, nur weil sie die Wahrheit sagen wollten. Die Wahrheit ist immer noch der Punkt, den viele Menschen nicht ertragen können. Ob es nun von links oder von rechts, von oben oder von unten kommt: Es geht am Ende um die korrekte Berichterstattung, ohne dass man Rücksicht nimmt auf bestimmte Klientel. Wir können davon lernen, dass der Mensch erst dann frei wird, wenn er sich der Wahrheit aussetzt. Deshalb ist es wichtig, den Umgang mit Journalisten im Nationalsozialismus weiter aufzuarbeiten. Wir können nicht allein von dem bloßen Augenblick der Gegenwart leben. Erst der, der die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft ändern!

Die Vertreter der so genannten Pegida-Bewegung berufen sich auf das christliche Abendland. Wie beurteilen Sie das als Prälat der Katholischen Kirche?

Schon Kardinal Woelki hat deutlich gemacht, dass hinter diesem Begriff ‚christliches Abendland’, der an sich positiv gefüllt ist, bei Pegida eine völlige Verengung stattfindet. Und auch eine Verdrehung. Denn wer mit Gewalt arbeitet, kann sich nicht auf das christliche Abendland berufen! Wer meint, dass es nur eine Meinung gibt und nicht auch andere, widerständige Meinungen – so dass wir sagen müssen: Pegida ist sehr kritisch zu durchleuchten und nicht eine Apologie des abendländischen Christentums.